Ordensfrauen vom Guten Hirten leben vor, dass das Unmögliche möglich ist
Das Wunder von „Dreifaltigkeit“
Von Barbara Brüning
Frankfurt. Kaum zu glauben, dass Rahwa Weldekidan noch vor wenigen Jahren durch halb Afrika geirrt ist. Mehr als die Stationen ihrer Flucht möchte sie aber nicht nennen. Sie muss immer noch weinen, wenn sie darüber spricht. Jetzt hat sie gerade einen Computerkurs abgeschlossen und würde am liebsten gleich den nächsten belegen. Und so wurde ihr Interesse geweckt: „Ich war mit den Kindern von der Hausaufgabenbetreuung im Computerraum, und der Lehrer hat mich gebeten, die Geräte auszuschalten“, erzählt sie nicht ganz akzentfrei, aber in fließendem guten Deutsch. „Leider musste ich ihm sagen, dass ich keine Ahnung habe, wie das geht“, fährt die 45-Jährige lachend fort. Da hatte er die Idee, einen Computerkurs für die Mütter seiner Schüler zu organisieren. Acht Frauen haben teilgenommen und sind stolz auf ihr Diplom.

Selbstbewusst und gut gelaunt (von links): Schwester Gudula, Meaza Habtemariam, Schwester Odilia, Letensie Menghistab-Tewelde und Rahwa Weldekidan Foto: Barbara Brühning
„Es dauerte nur drei Tage, da
klingelte Schwester
Odilia und fragte, ob ich
Hilfe bräuchte.“
Letensie Menghistab-Tewelde
Letensie Menghistab-Tewelde war ebenfalls dabei. Die allein erziehende Mutter dreier Söhne strahlt: „Ich lebe fantastisch und bin überglücklich!“ Das war nicht immer so. Mit 18 wurde sie in Eriträa mit einem Mann verheiratet, den sie nie vorher gesehen hatte. Er nahm sie mit in das ihr völlig fremde Deutschland. Nach der Geburt der Kinder trennten sie sich, weil ihre Vorstellungen von Zusammenleben und Erziehung nicht vereinbar waren. Die 34-Jährige verlor ihre Wohnung, musste mehrfach umziehen. Es war der Kontakt zu Schwester Gudula, der Schwester vom Guten Hirten, der die Wende brachte. Die Ordensfrau sorgte dafür, dass sie eine Wohnung am Frankfurter Berg bekam. Hier, wo ihre Kinder bereits zur Schule gingen, wo sie Freundinnen hatte, die sie auffangen konnten. In der Gemeinde zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit lernte sie auch Meaza Habtemariam kennen. Die Mutter von fünf Kindern hat eine eriträische Frauengruppe gegründet. Einmal im Monat treffen sich etwa 20 Frauen und tauschen sich aus. Sie organisieren kleine Fahrten übers Wochenende: mal in ein Kloster, mal, um eine Stadt zu besichtigen. Als die gelernte Altenpflegerin vor 25 Jahren nach Deutschland kam, konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie jemals soviel Selbstvertrauen haben würde. „Ich war völlig allein, als ich hier ankam“, erzählt sie. „Aber es dauerte nur drei Tage, da klingelte Schwester Odilia und fragte, ob ich Hilfe bräuchte.“ Selbstbewusst und gutgelaunt blicken die drei Frauen in die Welt. Über die Ursache ihres Glücks sind die drei sich einig: Schwester Gudula und Schwester Odilia. Die beiden Ordensfrauen vom „Guten Hirten“ leben vor, dass das Unmögliche möglich ist. Die Kirche der Dreifaltigkeitsgemeinde wird sonntags immer voller. „400 Leute kommen immer“, sagt Schwester Gudula. Meist reichen die Sitzplätze nicht. 40 Nationalitäten sind vertreten. Das Wunder von „Dreifaltigkeit“ gelingt den beiden Schwestern mit links. Ihr Rezept? Sie sprechen einfach jeden an, der neu ist in der Gemeinde. Jedes fremde Gesicht werde begrüßt und gefragt, ob man irgendwie helfen könne, erläutert Schwester Odilia. Alle, die neu zuziehen, würden von ihr besucht.
„Sie haben doch sicher Ihren
Stick dabei?“
Schwester Gudula Busch
Und wer etwa meint, Computer seien nichts für ältere Menschen, der wird ebenfalls von Schwester Gudula eines Besseren belehrt. „Sie haben doch sicher Ihren Stick dabei?“, fragt sie, „da kann ich ihnen ein paar Fotos kopieren. Oder soll ich sie gleich auf CD brennen?“ Sie ist 75, wohlgemerkt. Wer möchte, kann sich im Internet von ihrer Präsenz und geradezu mitreißenden Energie anstecken lassen. http://youtube.com lautet die Adresse. Dann muss man nur noch nach „Schwester Gudula Busch“ suchen. Da kann man sie sehen und hören.
Zur Sache
Der Orden „Schwestern vom Guten Hirten“ (RGS) wurde 1835 in Frankreich gegründet. Von Anfang an sorgte er sich besonders um Frauen, die aus Armut und Mangel an Bildung an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Die Schwestern, die keine Ordenstracht tragen, geloben in einem vierten Gelübde, „sich durch eifriges Gebet, eindringliche Unterweisung und das Beispiel ihres Lebens für Belehrung und Bekehrung von Frauen einzusetzen“. Heute gehören etwa 5000 Schwestern in aller Welt zu der Kongregation. In Deutschland leben 186 „Gute Hirtinnen“ in 26 Konventen. Die Gemeinschaft ist als anerkannte Nicht-Regierungs-Organisation (NGO) unter anderem Mitglied der Vereinten Nationen. (brü) http://www.guterhirte.de, Videos bei youtube: http://www.youtube.com/user/gutehirtin
Dank an den Verlag.